THINKING ENVIRONMENT® - Die 10 Komponenten

Nancy Klines einfache Grundidee ist: Die Qualität unseres Handelns hängt davon ab, wie gut wir vorher nachgedacht haben. Ausgehend davon hat sie ihr Leben der Frage gewidmet, welche Bedingungen zu wirklich gutem Denken führen. Mit “gut” ist hier vor allem unabhängig und frei von Beeinflussung durch andere gemeint; aber auch umfassend, präzise, mutig und kreativ. Sie hat festgestellt, dass diese Qualität des Denkens wesentlich davon abhängt, wie wir miteinander umgehen, während wir denken. Dieses unterstützende Verhalten und die damit zusammenhängende Haltung hat sie mit 10 Komponenten beschrieben, die zusammen den „Denkraum“ – das Thinking Environment bilden. Der Ansatz kommt in vielen Feldern zum Tragen, unter anderem im Coaching und in der Moderation/Facilitation von Gruppen.

1. Aufmerksamkeit
Zuhören, ohne zu unterbrechen, und sich dafür interessieren, wohin die Person mit ihren Gedanken als nächstes geht
  • Aufmerksamkeit ist ein schöpferischer Akt.
  • Die Qualität unserer Aufmerksamkeit bestimmt die Qualität des Denkens anderer Menschen. Aufmerksamkeit, basierend auf dem Versprechen nicht zu unterbrechen und auf dem Respekt und Interesse daran, wohin die Menschen mit ihrem Denken gehen, ist der Schlüssel zu einem Denkraum. Aufmerksamkeit ist so kraftvoll. Sie bewirkt Denken. Sie ist ein schöpferischer Akt.
2. Gleichheit
Einander als Denkende auf Augenhöhe begegnen, gleich viel Zeit zum Denken geben
  • Auch in einer Hierarchie können Menschen als Denker*innen gleichberechtigt sein.
  • In einem Denkraum werden alle als Denkende gleichermaßen geschätzt. Alle kommen an die Reihe, um laut zu denken, und an die Reihe, um Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn man weiß, dass man auch drankommen wird, wird die Aufmerksamkeit echter und entspannter. Außerdem werden die Beiträge dadurch prägnanter.
  • Die Gleichberechtigung verhindert, dass die redseligen Leute die stillen zum Schweigen bringen. Und sie fordert die Ruhigen dazu auf, ihre eigenen Gedanken einzubringen. Daraus entstehen hochwertige Ideen und Entscheidungen.
3. Gelassenheit
Innere Dringlichkeit ablegen
  • Gelassenheit ist schöpferisch. Dringlichkeit ist zerstörerisch.
  • Gelassenheit als ein innerer Zustand frei von Eile und Dringlichkeit schafft die besten Voraussetzungen für Denken.
  • Aber diese Gelassenheit wird systematisch aus unserem Leben verbannt, insbesondere in Organisationen und durch den Druck sozialer Netzwerke. Wenn wir möchten, dass Menschen trotz unrealistischer Fristen und des Mottos "schneller, besser, billiger, mehr" gut denken, gilt es, innere Gelassenheit zu kultivieren.
4. Wertschätzung
Wahrnehmen, was gut ist, und es aussprechen
  • Der menschliche Geist denkt dann am besten, wenn das Umfeld von Wertschätzung geprägt ist.
  • Im Alltag lernen wir: Wertschätzend zu sein ist naiv. Kritisch zu sein hingegen bedeutet realistisch zu sein. In Diskussionen konzentrieren wir uns daher zuerst und manchmal ausschließlich auf die Dinge, die nicht funktionieren. Weil das Gehirn aber Wertschätzung braucht, um gut zu arbeiten, führt uns unser Denken oft in die Irre.
  • Das Thinking Environment berücksichtigt das richtige Verhältnis von Wertschätzung und Herausforderung, damit Einzelne und Gruppen ihr bestes Denken entfalten können.
5. Ermutigung
Ermutigen, zu den unerforschten Bereichen des Denkens vorzudringen, indem die denkenden Personen aufhören zu konkurrieren
  • „Besser als“ zu sein, bedeutet nicht unbedingt „gut“ zu sein.
  • Wettbewerb sorgt nicht für Spitzenleistungen. Er stellt lediglich den vergleichenden Erfolg sicher. Deshalb kann Konkurrenz zwischen Denkenden gefährlich sein. Sie kann die Aufmerksamkeit der Denkenden auf Rivalität zwischen ihnen richten, statt auf das immense Potenzial, das jedem und jeder Einzelnen innewohnt, mutig für sich selbst zu denken.
  • Ein Thinking Environment wirkt dem internen Wettbewerb unter Kolleg*innen entgegen und ersetzt ihn durch eine unvoreingenommene, unbedrohte Suche nach guten Ideen.
6. Gefühle
Es begrüßen, wenn Emotionen zugelassen werden
  • Gefühle, die nicht zum Ausdruck kommen, können gutes Denken verhindern.
  • Wenn wir verärgert sind, setzt das Denken aus. Sobald wir aber unseren Gefühlen ausreichend Ausdruck verleihen, setzt das Denken wieder ein. Leider lebt unsere Gesellschaft das genau umgekehrt. Wir denken, dass das Denken aufhört, wenn Gefühle einsetzen. Wenn wir davon ausgehen, stören wir genau den Prozess, der einem Menschen hilft, wieder klar zu denken.
  • Das gute Denken wird wieder einsetzen, wenn wir uns stattdessen entspannen, sobald Menschen Gefühle zeigen, und wir diese willkommen heißen.
7. Information
Alle relevanten Fakten einbeziehen
  • Vollständige und genaue Informationen führen zu intellektueller Redlichkeit.
  • Wir treffen ständig Entscheidungen auf Grundlage verschiedener Informationen. Wenn die Informationen falsch oder begrenzt sind, leidet die Qualität unseres Denkens und wir können in Unwissenheit gefangen sein. Genaue und vollständige Informationen sind der Weg zu gutem, unabhängigen Denken.
8. Unterschiedlichkeit
Die Vielfalt von Gruppenidentitäten in den Vordergrund stellen und ihre erlebte Erfahrung nachvollziehen
  • Je größer die Vielfalt der Gruppe ist und je willkommener unterschiedliche Standpunkte sind, desto größer ist die Chance auf präzises und innovatives Denken.
  • Die Wirklichkeit ist vielfältig. Besonders gut denken können wir in einem möglichst realen und vielfältigen Umfeld.
9. Incisive questions ™
Unser Denken von einer unwahren Annahme befreien, die wir leben, als sei sie wahr
  • Eine Quelle guter Ideen liegt direkt unter einer unwahren, einschränkenden Annahme.
    Eine Incisive Question beseitigt sie und macht den Kopf frei für neues Denken.
  • Die wesentlichste Blockade für hochwertiges unabhängiges Denken ist eine unwahre einschränkende Annahme, die wir leben, als sei sie wahr. Um den Geist zu befreien, müssen wir daher wissen, wie man eine Incisive Question konstruiert, ein unglaublich präzises und kraftvolles Werkzeug.
10. Ort
Eine physische Umgebung schaffen - den Raum, die zuhörende Person, dein Körper-, die ausdrückt: „Auf dich kommt es an“
  • Wenn die physische Umgebung uns bestätigt, dass wir von Bedeutung sind, denken wir klarer und mutiger. Wenn unsere Körper umsorgt und respektiert werden, verbessert sich unser Denken.
  • Denkräume sind Orte, die den Menschen vermitteln: "Auf dich kommt es an". Ein Mensch denkt dann am besten, wenn er wahrnimmt, dass der Ort seinen Wert für die Anwesenden und für die Veranstaltung widerspiegelt.
  • Und da der erste Ort des Denkens der Körper ist, braucht er Bedingungen, die uns als Denkende sagen "Du bist wichtig".
  • In dieser Hinsicht ist der Ort eine stille Form der Wertschätzung.

„The Ten Components of a Thinking Environment®"
© Nancy Kline Time To Think 2022, deutsche Übersetzung Marion Miketta