Im Grunde gut

Meistens begegnen mir ein skeptischer Blick, leichtes Stirnrunzeln oder erhobene Augenbrauen, wenn ich sage, dass ich zutiefst davon überzeugt bin, dass Menschen grundsätzlich gut sind. Ich kenne die ersten Antworten, die mir entgegenfliegen, manchmal nur Wörter, die das Böse in der Welt benennen: Krieg, Gewalt, Ausbeutung. Natürlich kenne ich auch die Ansicht, dass Zivilisation nur eine dünne Schicht sei, durch die das Bösartige im Menschen gerade noch in Schach gehalten würde. Die sogenannte. „Fassadentheorie“ beherrscht unser Denken seit Jahrhunderten; Augustinus, Machiavelli, Luther, Freud (um nur ein paar wenige zu nennen) gehen davon aus, der Mensch sei verderbt.  Auch die Aufklärung hat daran nicht grundlegend etwas geändert. Hier wird auf Rationalität gesetzt als wirksames Mittel gegen das Schlechte im Menschen.

Was aber wenn diese Annahme gar nicht stimmt? Was wäre möglich, wenn wir wüssten, dass Menschen im Grunde gut sind und auf Kooperation hin orientiert, dass sie hilfsbereit sind und großzügig?

Mit Begeisterung habe ich das Buch des Historikers Rutger Bregman „Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit“ (Rowohlt Verlag) gelesen. Er untersucht diese Frage als Wissenschaftler und ergründet zunächst, wie es zu der Annahme, Menschen seien grundsätzlich schlecht, kommt und warum sie sich so hartnäckig hält. Im Anschluss untersucht er Studien, mit denen die These der innewohnenden Bösartigkeit des Menschen untermauert werden sollten. Er weist akribisch nach, wie diese Studien zustande gekommen sind und dass sie – kurz gefasst – wegen mangelnder Ergebnisoffenheit gerade keinen Beweis für die Ausgangsthese darstellen. Was diese Studien allerdings zeigen, ist, dass Menschen verführt und manipuliert werden können, Böses zu tun, weil sie glauben, etwas Gutes zu tun.

Hannah Arendt war eine der wenigen Philosophinnen, die davon ausgegangen sind, dass die meisten Menschen gut seien (Brief an Gershom Scholem 1963). Eichmann habe nicht nachgedacht, so ihr Ausspruch. „Nicht nachdenken“ bedeutet hier, sich nicht in einen anderen Menschen hineinversetzen zu können. Arendt betont, wenn Menschen sich für das Böse entschieden, so hätten sie häufig noch immer das Bedürfnis, sich hinter Klischees und Lügen zu verstecken, die suggerieren, dass das Böse trotzdem gut ist. Für mich heißt dies, dass freies Nachdenken Grundlage für verantwortungsvolles Handeln wird. Nicht Mitläufer sein, sondern zugewandt den Nöten und Bedürfnissen unsere Umgebung und unserer Umwelt.

In der modernen Psychologie spricht man von „komplementärem und nicht-komplementärem Verhalten“. Mit „komplementär“ wird beschrieben, dass Menschen meist einander spiegeln: ein freundliches Lächeln wird freundlich erwidert, Unfreundlichkeit weckt sofort den Wunsch, mindestens genauso unfreundlich zu reagieren. „Nicht-komplementäres Verhalten“ ist die offene und freundliche Reaktion auch auf ein Verhalten, das als unfreundlich bezeichnet werden kann. Dieses Verhalten ist natürlich viel schwieriger. Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela sind große, inspirierende Beispiele für ein nicht-komplementäres Verhalten.

Es ist somit eine Entscheidung, die jede / jeder von uns trifft, ob wir das Gute in Menschen sehen und unser Verhalten danach ausrichten wollen. Für mich ist dies ein hoffnungsfroher Ansatz. Ich zitiere hier nochmal Bregman: „Letztlich gibt es nur wenige Vorstellungen, die die Welt so sehr beeinflussen wie unser Menschenbild. Was wir voneinander annehmen, ist das, was wir hervorrufen.“ (Bregmann 2020, Seite 27). Dies führt uns direkt zu der Arbeit im Thinking Environment, denn sie gründet auf einem zutiefst positiven Menschenbild.

Und so schließe ich meine Anmerkungen mit einer Incisive Question nach dem Vorbild von Nancy Kline:

Wenn du wüsstest, dass du mit deiner Entscheidung, in jedem das Gute zu sehen, den Raum der Handlungsmöglichkeiten erweiterst, wie würdest du in Zukunft auf andere Menschen zugehen?

Autorin: Margret Ammann

Rutger Bregman: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit; Rowohlt Verlag 2020.

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